Fotografie - Tipps & Tricks

- Focus Stacking & Micro-Stacking -


Makroaufnahme einer gelb-schwarzen Wespe auf einem verwitterten Holzgeländer, mit Fokus-Stacking fotografiert in Erfurt.

Mehr Schärfe, als eine einzelne Aufnahme hergibt – willkommen in der Welt des Focus Stacking.

Du kennst das sicher: Du fotografierst eine Blüte, ein Produkt oder ein Detail im Makrobereich – und egal, wie du die Kamera drehst, es ist immer nur ein Teil wirklich scharf. Die Vorderkante sitzt, dahinter läuft alles weich weg. Genau hier kommen Focus Stacking und Micro-Stacking ins Spiel.

In diesem Beitrag schauen wir uns an, wie Fotograf:innen das Problem früher gelöst haben, was moderne Kameras heute können und wie du als Fotoanfänger oder Fortgeschrittene:r Schärfe bewusst „stapelst“, statt nur immer weiter abzublenden.


1. Das Grundproblem: Schärfentiefe ist begrenzt

Die Schärfentiefe – also der Bereich im Bild, der subjektiv scharf wirkt – hängt im Wesentlichen ab von:

Gerade in der Makrofotografie oder bei sehr nahen Produktaufnahmen ist die Schärfentiefe extrem klein. Das Logo ist scharf, die hintere Kante verschwimmt. Du kannst natürlich stärker abblenden, die Brennweite ändern oder etwas zurückgehen – aber jedes Mal verschiebst du auch Bildwirkung, Bokeh und Licht.

Spätestens bei sehr geschlossener Blende kommt die Beugungsunschärfe dazu: Das Bild wird insgesamt weicher, obwohl du „mehr Schärfe“ wolltest. Genau hier setzt die Idee des Focus Stackings an: Nicht eine Aufnahme retten, sondern mehrere gezielt kombinieren.


2. Wie haben Fotografen das früher gemacht?

2.1. Extrem abblenden & viel Licht

Der klassische Weg in der analogen Zeit: Blende 16, 22 oder 32, kräftiges Licht oder Blitz und hoffen, dass alles scharf wird. Das funktionierte, hatte aber klare Grenzen:

2.2. Fachkamera & Scheimpflug-Prinzip

In der Werbe- und Produktfotografie arbeiteten viele mit Großformat- und Fachkameras. Durch Kippen von Objektiv- und Filmebene konnte die Schärfeebene in den Raum gelegt werden – etwa entlang einer schrägen Produktfläche.

So ließ sich mit moderaten Blenden eine liegende Uhr, ein Buch oder eine Verpackung komplett scharf abbilden. Der Haken: teuer, sperrig, viel Übung nötig und fast ausschließlich im Studio sinnvoll.

2.3. Mit Unschärfe gestalten

Gerade im Makrobereich haben viele schlicht akzeptiert, dass die Schärfezone dünn ist – und diese Eigenschaft kreativ genutzt: nur das Insektenauge, nur die vorderste Blütenkante, alles andere darf verschwimmen.

Mehrere Aufnahmen zu einem Bild mit durchgehender Schärfe zu kombinieren, war in der analogen Praxis kaum realistisch. Zu aufwendig, zu viel Handarbeit im Labor, keine digitale Hilfe.


3. Die Idee hinter Focus Stacking – Schärfe in Schichten

Mit der Digitalfotografie hat sich das Spiel verändert. Focus Stacking bedeutet: Du machst nicht eine „perfekte“ Aufnahme, sondern eine Serie von Bildern mit unterschiedlichen Fokuspunkten – und setzt sie anschließend zu einem Bild zusammen.

  1. Du fotografierst dein Motiv mehrfach, jeweils mit leicht verschobenem Fokus – meist von vorne nach hinten.
  2. Eine Software analysiert alle Bilder und sucht an jeder Stelle die schärfsten Bildinformationen heraus.
  3. Am Ende entsteht ein Bild, das so wirkt, als hättest du unendlich viel Schärfentiefe, ohne dass die Beugungsunschärfe zuschlägt.

Stell dir dein Motiv wie ein Buch vor: Jede Aufnahme ist eine Seite mit einem anderen „Schärfeschnitt“. Die Software blättert durch alle Seiten und baut daraus eine einzige, komplette Seite mit maximaler Schärfe dort, wo du sie haben möchtest.


4. Moderne Kameras: Fokusreihen statt Handarbeit

Viele aktuelle Kameras bieten heute Fokusreihen / Focus Bracketing / Focus Shift an. Das Prinzip ist ähnlich:

Je nach System bekommst du nur die Einzelbilder oder zusätzlich ein fertig gestacktes JPEG direkt aus der Kamera. Für maximalen Feinschliff lohnt sich später trotzdem die Nacharbeit am Rechner.

Für Einsteiger – dein erster Stacking-Workflow

Für Fortgeschrittene – Stacking als Werkzeug


5. Micro-Stacking – wenn es wirklich winzig wird

Beim Micro-Stacking geht es noch tiefer hinein in die Welt der Details. Hier arbeitest du mit hohen Vergrößerungen (1:1, 2:1, 5:1 und mehr). Typische Motive sind Insektenaugen, Kristalle, Oberflächenstrukturen von Produkten oder technische Details.

Statt am Objektiv zu fokussieren, kommt oft eine motorisierte Makroschiene zum Einsatz, die Kamera oder Motiv in Mikrometerschritten bewegt. Vorteil: Die Bildgeometrie bleibt stabil, Verzerrungen werden minimiert – und du kannst extrem feine Focus Steps fahren.

Im Ergebnis entstehen Bilder mit einer Schärfe und Detailfülle, die mit einer Einzelaufnahme praktisch nicht erreichbar wäre.


6. Praktischer Ablauf: dein erster kompletter Stack

Schritt 1 – Setup vorbereiten

Schritt 2 – Kamera einstellen

Schritt 3 – Fokusreihe aufnehmen

Mit Fokusreihen-Funktion:

Ohne Fokusreihen-Funktion kannst du den Stack auch manuell aufnehmen: Nach jeder Aufnahme den Fokusring ein kleines Stück weiterdrehen und dich so Schicht für Schicht durch das Motiv arbeiten.

Schritt 4 – Stacking in der Software

Für den Einstieg reicht oft die Kombination aus Lightroom und Photoshop: Bilder importieren, ausrichten, Ebenen automatisch überblenden. Für extrem feine Makro-Stacks kommen Programme wie Helicon Focus oder Zerene Stacker ins Spiel.


7. Typische Fehler – und wie du sie vermeidest


8. Was bringt dir Focus Stacking in der Praxis?

Für Fotoanfänger

Du lernst, dass Schärfe kein Zufall ist. Du siehst, wie sich der Fokus Ebene für Ebene durchs Motiv bewegt und wie aus mehreren Einzelbildern ein stimmiges Gesamtbild entsteht. Das macht das Thema Schärfentiefe sehr anschaulich und hilft, auch „normale“ Aufnahmen besser zu planen.

Für Fortgeschrittene

Du bringst deine Makro- und Produktfotografie auf ein Level, das man sonst nur aus Katalogen und Kampagnen kennt. Focus Stacking eignet sich ideal als zusätzliche Premium-Leistung – etwa für Onlineshops, Schmuck, Technikprodukte oder detailverliebte Serien.


9. Dein nächster Schritt – Schärfe stapeln statt nur abblenden

„Kamera-Stalking“, Focus Stacking, Micro-Stacking – das klingt erstmal sehr technisch. In Wahrheit ist es eine logische Weiterentwicklung eines alten fotografischen Problems: Wie bekomme ich mehr Schärfe, ohne das Bild weich oder langweilig zu machen?

Früher brauchte man Fachkameras, Tilt-&-Shift-Objektive und viel Erfahrung. Heute reichen eine moderne Kamera mit Fokusreihen-Funktion, ein Stativ, ein ruhiges Motiv – und die Bereitschaft, ein paar Serien mehr aufzunehmen.

Wenn du das nächste Mal vor einem Motiv stehst und denkst: „Schade, dass ich nicht alles scharf bekomme“, dann ist das genau der Moment, in dem du statt weiter abzublenden einfach sagst: Ich stacke das.

Und falls du das lieber gemeinsam durchspielen möchtest: In meinen Workshops in Erfurt können wir genau solche Setups – vom Makro bis zum Produkt – Schritt für Schritt praktisch ausprobieren.